Andrew ouchi · Ruth root

23 January – 13 March 2026

Ein physisches Bild ist ein Objekt zwischen zwei Polen – der Fläche und dem Raum. Zwischen diesen beiden Koordinaten bewegen sich auch die Werke von RUTH ROOT und ANDREW OUCHI. Während sich ROOT maximal an die Wand anzunähern scheint, versteht OUCHI seine skulpturalen Werke als Entitäten, die trotz der schrittweisen Abstraktion einer fotografischen Vorlage – eines Bildes einer Pflanze – ihre Körperlichkeit im Raum zurückerlangen. Die beiden in den USA lebenden Artists haben über Jahre ganz eigene Wege entwickelt, um die Dimensionen und Möglichkeiten des Bildes zwischen Abstraktion und Gegenstandslosigkeit zu erkunden. Die aktuelle Ausstellung führt diese Herangehensweisen in neu entstandenen Werken zusammen.

RUTH ROOTs Arbeiten konzentrieren sich auf die wesentlichen Elemente gegenstandsloser Malerei – Form, Farbe, Material. Dabei verwischen sie bewusst die Unterscheidungen zwischen Objekt, Oberfläche und Bild. Sie sind in ihrer Flachheit verdichtet konzentrierte Gemälde, sie vereinen Malerei, Textil und Skulptur. Ihre Werke nähern sich räumlich nahe Null an, bleiben aber Objekte. Sie changieren zwischen der Fläche und minimaler Raumbehauptung, wie komprimierte Skulpturen, die sich zwischen zwei und drei Dimensionen verorten – „like the way in the Road Runner cartoon, where the coyote character runs into something and just falls down or is flattened by a car and then he pops back up in two dimensions instead of three dimensions“, so die Künstlerin.

ROOT kombiniert abstrakte Bildflächen auf PVC mit bedruckten Textilien, die durch längliche Öffnungen in die Kunststoffplatten gefädelt sind, sodass flexible und starre Elemente ineinandergreifen. Dies stellt einen weiteren Aspekt ihrer Strategie dar, mit Versatzstücken zu arbeiten. Die Scharnier-Logik und die Annäherung an eine absolute Fläche knüpfen an Marcel Duchamps Konzept des „Infra-Mince“ an – jenen ultradünnen Schwebezustand zwischen Konkretem und Abstraktem, der sich an der Schwelle zur Wahrnehmung abspielt. Wie der Raum zwischen Recto- und Versoseite eines Papiers bezeichnet das Infra-Mince ein Prinzip der minimalen Abweichung, den Übergang vom einen zum anderen.

Neben geometrischer Abstraktion öffnet ROOT ihre Praxis für spielerisch entliehene Motive aus Popkultur, Politik und Kunstgeschichte. In ihren Collagen begegnen sich Triviales und Ikonisches: Pizzastücke, Dubuffet-Skulpturen, kosmische Weiten, jubelnde Menschenmassen sowie Verweise auf eigene Werke. Auch weitere kunsthistorische Referenzen – von Eva Hesse bis Lee Bontecou – verschränken sich mit Bildern mutiger Frauen wie Anita Hill und Christine Blasey Ford, die vor dem US-Kongress unter Eid Kandidaten für das höchste Richteramt Machtmissbrauch vorwarfen. Dieses vielfältige Konglomerat an zirkulierenden Bildern ist Teil eines visuellen Gedächtnis, in dem zahlreiche gesehene Kunstwerke, gelesene Bücher und gefundene Internetbilder neue assoziative Beziehungen eingehen.

ANDREW OUCHIs Arbeiten bewegen sich ebenfalls zwischen klassischer Abstraktion und gegenstandsloser Kunst. Seine Diptychen zeigen links die Abstraktion der Fotografie einer Pflanze, rechts die Abstraktion dieser Abstraktion: So entwickelt er eine Mutation zweiten, dritten oder auch vierten Grades. Der Prozess ist streng geregelt: OUCHI blickt nur auf die Fotografie für die erste Hälfte und nur auf diese für die zweite. Im schrittweisen Abstrahieren spielt er mit den Grenzen zwischen Repräsentation und phänomenologischer Erfahrung, zwischen dem Versuch der Dekodierung und einer unmittelbaren Begegnung mit Farbe, Raum und Zeit.

Die Sujets – endemische Pflanzen Hawaiis – verweisen auf OUCHIs persönliche kulturelle Verortung. Vier Generationen seiner ursprünglich aus Japan stammenden Familie lebten auf Hawaii, er selbst wurde in Kalifornien geboren: In Hawaii gilt er nicht als Hawaiianer, in Japan nicht als Japaner, in Los Angeles gelegentlich als Fremder. Diese Existenz empfundener Mutation spiegelt sich in seinen Arbeiten: Sie befinden sich im Prozess ihrer Veränderung, in Beziehung nicht nur zu sich selbst, sondern auch zu ihrer Herkunft. Doch die biografische Schicht bleibt ein poetisches Spiel; entscheidend ist die Erfahrung der Betrachtenden.

OUCHIs Arbeiten sind offensichtlich Skulpturen, keine Fotografien, und damit mehr als ihre Vorlage: Die spielerisch skulpturale Qualität – hölzerne Texturen, feine Bemalungen, miniaturhafte Körperlichkeit – ist zentral für ihre Erfahrung. Sie erfordert einen aufmerksamen, detektivischen Blick, ein wiederholtes Sehen und Wiedersehen. Die ausgedehnte Betrachtung ist das Ziel: der Zustand, in dem sich Betrachtende den Rätseln der Wandlung und Abwandlung hingeben – zwischen dem Erinnern an Herkunft und Natur sowie ihrer vollständigen Auflösung in Farbe, Form, Körper und Raum.


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